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Siegfried von Vegesack - Der baltische Dichter im Turm zu Weißenstein
(von Josef Nickl)

Mehr als 50 Jahre lebte und arbeitete Siegfried von Vegesack in "seinem Turm" auf Weißenstein, genauer gesagt im ehemaligen Getreidekasten der Burganlage. Er gab diesem Kasten seinen treffenden Namen - "Fressendes Haus" - und setzte den Menschen und der Landschaft des Bayerischen Waldes mit seinem gleichtitelnden Roman ein literarisches Denkmal. Heute ist das "Fressende Haus" lebendiges Kulturzentrum und Museum.

Anlass genug, in diesem Rahmen den Spuren dieses ungewöhnlichen Mannes nachzugehen und seinen Lebensweg zu verfolgen. Nur noch ältere "Regener" oder "Weißensteiner" werden sich an den Mann aus dem hohen Norden, unverkennbar mit seinem Monokel, erinnern, der im Bayerischen Wald eine neue Heimat gefunden hatte, nach dem ihm eine Rückkehr in sein geliebtes Livland versagt blieb.

Siegfried von Vegesack wurde am 20. März 1888 in Blumbergshof  bei Riga in Livland als neuntes Kind des Ordnungsrichters Otto Otthard von Vegesack und dessen Frau Janet Clementine (genannt Jenny) von Campenhausen geboren. Er war also Balte aus der deutschstämmigen Oberschicht, die sich von jeher dem Deutschen Reich zugehörig fühlte. Die jahrhundertealte Kultur (Deutschordentum) hat ihn geprägt und der unrühmliche Untergang ihn leiden lassen, als zunächst im 1. Weltkrieg des Baltikum durch Kriegstod, aber auch durch Massenvernichtung hunterttausende Opfer zu beklagen hatte; dann das Land 20 Jahre in bedrohter und bedrückender Freiheit verleben konnte und schließlich 1939 durch den zwischen Hitler und Stalin geschlossene "Nichtangriffspakt" an die Sowjetunion ausgeliefert wurde. Schließlich beschloss man auf der alliierten Außenministerkonferenz 1943 in Teheran das Baltikum (also Estland, Lettland und Livland) Stalin zuzusprechen. Die folgenden Repressivmaßnahmen forderten wieder unzählige Opfer.

Vegesacks Verdienst ist es, dass er sich zum eindrucksvollen und feinfühligen Chronisten des Glanzes und Unterganges dieser Kultur mit seiner Romantrilogie "Vorfahren und Nachkommen", "Die Baltische Tragödie" und "Der letzte Akt" gemacht hat. Diese Welt ließ ihn - trotz vielfachen anderen Engagements - zeitlebens nicht mehr los; sie war sein ureigenster Stoff.

Das Leben vor Weißenstein
Aber lassen wir nun Siegfried von Vegesack selbst zu Wort kommen, wie er sein Leben bis zu seiner "Einkehr" in Weißenstein sah. Vermutlich 1932 beschrieb er in einer Kurzbiographie für die "Rigasche Rundschau" mit hintergründigem Humor seine frühen Jahre.

Auf dem väterlichen Gute Blumbergshof in Livland als neuntes Kind meiner Eltern geboren, wollte ich mit zehn Jahren Missionär werden. Ich las eifrig das Missionsblatt, Hosianna, lief in den Wald und predigte laut (da keine Schwarzen vorhanden waren) den Tieren und Bäumen. Später schoss ich ebenso eifrig Eichhörnchen, Hasen Rehe Füchse und zuletzt sogar einen Elch. Machte das Abitur, ich gestehe es tief beschämt, mit silberner Medaille, studierte (wenn man das so nennen darf) in Dorpat (ich weiß kaum noch was), verlor das linke Auge auf der Mensur, machte mit dem andren Auge das russische Staatsexamen, setzte das Studium in Heidelberg, Berlin und München fort, und war gerade fertig, als der Krieg ausbrach.

Da der russische Staat keine einäugigen Soldaten brauchte, konnte ich ungestört nach Schweden fahren, wo ich mit dreißig Rubeln in der Tasche ankam, mir zwei goldene Trauringe kaufte und mich am nächsten Tag in Stockholm trauen ließ. Ich arbeitete in der Redaktion einer schwedischen Zeitung, dann in Berlin, nährte mich in der großen Zeit von Kohlrüben, Tee und Zwieback, den man nach langem Anstehen gegen ärztliches Zeugnis bekam und der aus Sägespänen hergestellt wurde. Als meine Beine blau wurden und Adern platzten, floh ich mit meiner Frau und sechs Monate alter Tochter in den Bayerischen Wald.

Hier fanden wir einen alten Raubritterturm mit Spuk und Gespenstern, der seit Jahren leer stand, und deshalb für ein Butterbrot zu haben war. Mit vierundsiebzig Bierseideln (die einzige Hinterlassenschaft der alten Raubritter), sechs steinernen Kanonenkugeln und einem ungeheuren runden Tisch richteten wir uns gemütlich ein. Dann kauften wir uns eine Ziege, dann eine Kuh. Ich lernte das Mähen (zwei Sensen flogen dabei in Stücke), meine Frau das Melken, wir aßen Pilze, Beeren, Brennnesseln und wurden gesund.“

Zur Erläuterung: Während seiner Münchener Jahre (1912-1914) lernte er die schwedische Schriftstellerin Clara Nordström kennen, die er am 16.2.1916 in Stockholm heiratete. Durch sie bekam er Kontakt mit vielen jungen aufstrebenden Künstlern des berühmten Münchner Schwabing. So schloss er Bekanntschaft und mit manchen auch eine lebenslange Freundschaft mit Alfred Kubin, Rolf von Hoerschelmann, Max Unold, Joachim Ringelnatz, Erich Mühsam u. a. Nach seiner Rückkehr 1916 nach Deutschland arbeitete Vegesack gemeinsam mit anderen Exilbalten in der Pressestelle des Auswärtigen Amtes in Berlin. Die ersten politischen Artikel und Gedichte erschienen. 1917 wurde die Tochter Isabel geboren. Ein Jahr später aber verließ die Familie aus den beschriebenen Gründen Berlin und übersiedelte in den Bayerischen Wald, wo sie den leerstehenden heruntergekommenen Turm der Burgruine Weißenstein billig erwarb.



Der Turm wurde Heimat
Den Turm, eigentlich der frühere Getreidekasten der Burg, verließ Vegesack nur noch für kleinere und größere Auslandsaufenthalte. Man bewirtschaftete eine kleine Landwirtschaft zum Lebensunterhalt, in der freien Zeit arbeiteten Clara und Siegfried von Vegesack an eigenen schriftstellerischen Werken und übersetzten mehrere Jahre aus dem Russischen und dem Schwedischen. 1923 wurde ihnen der Sohn Gotthard geboren, der 1943 in Polen fiel. Die ersten schriftstellerischen Erfolge stellten sich Ende der zwanziger Jahre ein. Seine Tragödie "Tote Stadt" wurde in Cottbus uraufgeführt und seine Komödie "Der Mensch im Käfig", in der Hauptrolle der glänzende Paul Hörbiger, mehrere Wochen vor ausverkauftem Haus gespielt. Auch der Gedichtband "Die kleine Welt vom Turm gesehen" verkaufte sich gut.

1929 verließen die Vegesacks für drei Jahre den Turm, den sie der Künstlervereinigung Porza verpachteten und zogen ins Tessin, kehrten aber immer wieder sozusagen als Gäste in den Bayerischen Wald zurück. Frucht dieses Tessiner Aufenthalts ist der Roman "Das fressende Haus", der die Zeit in Weißenstein zum Inhalt hat. Der Titel dieses Romans gab dem Turm seinen bis heute gültigen Namen.

Die Ehe mit Clara Nordström scheiterte, 1935 wurde sie geschieden. Daraufhin machte Vegesack mehrere Auslandsreisen ins heimatliche Baltikum, nach Südtirol, Jugoslawien und nach Südamerika, wo er begeisterten Anklang fand. Diese fast zweijährige Südamerikareise fand später auch ihren literarischen Niederschlag. Am 12.3.1933 wurde Siegfried von Vegesack einige Tage in Regen von den neuen Machthabern, den Nationalsozialisten, inhaftiert. Wie es dazu gekommen war, beschreibt er folgendermaßen:

Vegesack - ein kritischer Geist
Am 5. März 1933, einen Sonntag, kam eine Horde von braunen Uniformen aus Regen nach Weißenstein herauf marschiert und hisste auf dem Turm der Ruine eine große rote Fahne mit einem Hakenkreuz. Das ärgerte mich. Ich telefonierte an die Landpolizei in Regen und veranlasste, dass die Hakenkreuz-Fahne vom Turm herunter geholt wurde.

Am nächsten Sonntag, den 12. März, war aber diese Fahne unsere Fahne geworden. Wieder kamen Horden von braunen Uniformen herauf, wieder wurde die rote Hakenkreuz-Fahne auf dem Turm der Ruine gehisst. Unser Haus wurde umstellt, braune Uniformen drangen bis zu mir in die Bibliothek, und ich wurde verhaftet.

Dass ich am Sonntag zuvor die Hakenkreuz-Fahne vom Turm der Ruine hatte entfernen lassen, war aber nur der Anlass zu meiner Verhaftung. Als Mitglied der Paneuropäischen Union und der internationalen Künstlervereinigung Porza war ich schon längst der Partei ein Dorn im Auge.

Aber auch dies nahm er mit dem ihm eigenen Humor hin und so berichtet er später über diese Episode, seiner "Einkerkerung":

"Der dicke Wachtmeister bat mich freundlich, ihm zu folgen. Am liebsten hätte er mich wohl laufen lassen. Väterlich besorgt um mich, ließ er die braune Horde vorausgehen und geleitete mich - sich immer wieder entschuldigend - zum Gefängnis, das sich im Erdgeschoss des Amtsgerichts befand. Hier wurde ich nicht wie ein Sträfling, sondern fast wie ein Ehrengast aufgenommen. Jeden Morgen erkundigte sich der Gefängnisdirektor nach meinem Befinden und entschuldigte sich händeringend, dass er mir nichts Besseres zum Essen vorsetzen könne.

Ich tröstete ihn: es schmecke mir ausgezeichnet.
Nirgends habe ich so ungestört arbeiten können wie damals im Gefängnis von Regen. Es war eine schöne Zeit, an die ich gern zurückdenke!"

In den Jahren 1933-1935 erschien in drei Teilen seine "Baltische Tragödie", der Mittelteil seiner großen Baltikumtrilogie. 1940 heiratete Vegesack Gabriele Ebermayer (genannt Jella); aus dieser Ehe ging 1941 der Sohn Christoph hervor. Im gleichen Jahr meldete er sich freiwillig als Dolmetscher in den Osten, jedoch nicht als Kriegsbegeisterter oder gar Nazi-Anhänger, sondern wohl eher aus einem Solidaritätsgefühl heraus. Als Sonderbotschafter berichtete er aus der Ukraine, Georgien, der Krim und aus der alten Heimat, die er bei dieser Gelegenheit noch einmal - wenn auch bereits vom Krieg gezeichnet - wiedersah. Anlässlich dieser Berichterstattertätigkeit wurde Vegesack auch in das Geschehen des 20 Juli 1944 verwickelt. Die Hintergründe und die Folgen für ihn beschreibt er später einmal so:

"Als Dolmetscher im Osten hatte ich mich anfangs noch einigen Illusionen hingegeben. Doch mit der Zeit wurden meine Eindrücke immer skeptischer. Im Frühjahr 1944 erhielt ich vom damaligen Chef des Wirtschafts-Stabes-Ost, General Stapf, den Auftrag, auf Grund meiner Berichte und eines umfangreichen Materials von Dokumenten, die mir zur Verfügung gestellt wurden, eine Denkschrift über die "Behandlung der Bevölkerung" in den von uns besetzten Gebieten zu schreiben, und zwar so, wie ich die Dinge sehe, ohne jede Rücksicht auf höhere Dienststellen. Einzelheiten dieser Denkschrift hatte ich mit Graf Peter Yorck von Warthenberg besprochen, der bei uns im Stab tätig war.

Am 17. Juli 1944 lieferte ich meine Denkschrift in Berlin ab. Schon am nächsten Tag empfing mich General  Stapf mit den Worten "Wissen Sie, war Sie da geschrieben haben? Eine furchtbare Anklage!"

Ich erklärte dem General, dass ich meine Denkschrift so geschrieben hätte, wie es mir befohlen war: ohne jede Rücksicht, so wie ich die Dinge sehe. Den 20. Juli erlebte ich in Berlin. Gleich darauf wurde ich von General Stapf nach Weißenstein beurlaubt.

Erst später habe ich erfahren, dass General Stapf mit Graf Yorck von Warthenberg zu den Verschwörern gehörte, und dass meine Denkschrift gleich nach geglücktem Attentat veröffentlicht werden sollte. Im letzten Augenblick, als General Stapf am 20. Juli sich in die Bendlerstraße zu Graf Yorck begeben wollte, wurde er gewarnt, so dass er zu Hause blieb, und meine Denkschrift nicht in die Hände der Gestapo gefallen ist. Später bin ich zwar von der Gestapo in Regensburg verhört worden, aber man konnte mir nichts nachweisen. Graf Peter Yorck wurde hingerichtet. Im Oktober 1944 nahm ich meinen Abschied." Die besagte Denkschrift erschien 1965.

Schwierige Nachkriegsjahre trotz großer Anerkennung
Die Nachkriegsjahre galten dem Kampf, wie bei den meisten anderen auch, um einfache Überleben, der Beschaffung von Kleidung, Nahrung, Brennmaterial u. ä. Erschwert wurde die Situation dadurch, dass Vegesack drei seiner Brüder, die geflohen waren, auf seinem Turm aufnahm. Zudem waren die meisten seiner Bücher vergriffen und für Neuauflagen oder Neuerscheinungen fehlte es den Verlagen, falls sie noch existierten, an Papier oder an Lizenzen von den Besatzungsmächten. Aber wovon soll ein Schriftsteller leben, wenn er nicht publizieren kann!

So konnte erst 1957 "Der letzte Akt" und 1960 der Schlussband der baltischen Trilogie "Vorfahren und Nachkommen" erscheinen. Bereits 1956 wurde Siegfried von Vegesack als ordentliches Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gewählt.

Freundschaftliche Verbundenheit mit Werner Bergengruen, Thomas Mann, Werner Illing, Jakob Job, den Dichterarzt Hans Carossa oder den Künstlern Reinhold Koeppel und Heinz Theuerjahr, um nur einige zu nennen, begleitete diese Jahre. 1963 erhielt er den Ostdeutschen Literaturpreis der Künstlergilde Esslingen verliehen. Seine letzte Südamerikareise brachte als Frucht eine Art Lebensbilanz im Roman „Die Überfahrt“ hervor. Mit der Zeit wurde es stiller um Ihn, die alten Freunde waren nicht mehr; am 26. Januar 1974 starb Siegfried von Vegesack im Alter von 86 Jahren. Er hat seine letzte Ruhestätte in der Nähe seines geliebten Fressenden Hauses in Weißenstein bei Regen gefunden.

Neben den bereits genannten Büchern veröffentlichte Vegesack weitere Gedicht- und Prosabände, oft auch den Bayerischen Wald beschreibend, Reiseberichte, Kinderbücher und Übersetzungen. Vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren arbeitete er viel für den Bayerischen und Süddeutschen Rundfunk. 

© Josef Nickl

Die Freunde der Burganlage Weißenstein e.V. bedanken sich herzlich bei Herrn Josef Nickl
für die Bereitstellung dieser Ausarbeitung.


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